DELIA KELLERS WELT
von Luminita Sabau (2013)

Es ist eine irritierende Welt kalter Perfektion, in die uns Delia Keller entführt. Eine blaue und graue Farbstimmung, die nur selten das Gefühl von Wärme aufkommen lässt. Es ist eine in Melancholie gehüllte Welt des Nordens, eine makellose und eigenartig statische Welt im Augenblick der Aufnahme. Jedes Bild, jede Serie ist vollkommen. Doch die Fotografin errichtet eine undurchdringliche gläserne Wand zwischen dem Bild und seinem Betrachter. Wir bleiben ausgeschlossen. Alles erscheint fremd, isoliert und beziehungslos. Die Menschen und ihre Gegenstände, selbst das Medium, in dem sie agieren, sind wie aus der Zeit gefallen. Und das ist wesentlich: Die Bilder schließen die Dimension der Zeit konsequent aus. Alles scheint für immer und ewig erstarrt, in einer namenlosen Verlassenheit zu verharren oder einzufrieren. Nichts interagiert. Es ist ein unheimliches und einsames Universum, dessen Bewohner sich selbst fremd sind. Nur selten sieht sich der Betrachter aufgefordert, ein Vorher und Nachher um den festgehaltenen Augenblick zu weben, um eine Geschichte aus ihm zu machen, ihm Leben einzuhauchen. Selbst bei Remakes wie der Bauhaustreppe verweigert sich uns der unmittelbare Zugriff auf die Wirklichkeit, denn unter dem Blick der Künstlerin wird das eben noch Reale zum Surrealen.

Was beunruhigt uns an Delia Kellers Welt? Mit einer unglaublichen Sensibilität und Blickschärfe präpariert die Fotografin die Motive und Momente der völligen Isolation und Einsamkeit heraus, die uns zwar irgendwie vertraut sind, die wir aber nicht wahrnehmen wollen, weil wir sie fürchten. Durch die hohe Fluchtgeschwindigkeit, mit der wir uns durch den Alltag und die Welt bewegen, stellen wir sicher, dass sie gar nicht erst in unser Bewusstsein dringen. Delia Keller flüchtet nicht, im Gegenteil. Sie sieht hin und zwingt damit auch uns, das zu sehen, was wir so gerne verdrängen. Die Ambivalenz der Gefühle und die mit ihr verbundene eigentümliche Faszination beim Betrachten der Bilder resultiert aus dem Kontrast zwischen der kühlen Perfektion der Oberfläche und dem hinter ihr liegenden Appell an unsere tiefste und existenziellste Angst. Die Verlassenheit, die Kälte und das damit letztlich einhergehende Leblose und Statische kann nur derjenige entdecken und inszenieren, dem all das zum Thema des eigenen Lebens und damit der Wahrnehmung geworden ist. Wer sich dem stellt, der stellt sich für viele oder sogar für alle. Man kann in den Fotografien Delia Kellers die unerfüllte Sehnsucht nach dem Leben sehen, ein Verlangen nach Wärme, das durch die analytische Kälte der Bildmotive hindurchscheint.