Gegen-Bilder

von Marc Wrasse (2008)

Wir sehen eine junge Frau im leuchtenden Kleid, dessen lockendes ornamentales Muster im Kontrast zu den strengen Linien der Architektur steht, vor oder in der sie sich bewegt. Diese Bewegung ist vor allem eine des Raumes, der verknappt, ausschnitthaft dargestellt wird und über das Bild hinausdrängt oder in andere Räume führt. Die szenische Präsentation einer einzelnen Figur spiegelt sich melancholisch in der Architektur, die einerseits zeitlos modern ist, andererseits eigentümlich unbewohnt und vergangen. Obwohl die Fotografien einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit fixieren, das rumänische Iaşi im Herbst 2007, überschreiten die Bilder erkennbar ein nur dokumentarisches Interesse. Zwar wissen wir, dass noch vor diesen Gebäuden die Gesellschaft verschwunden ist, die sie konzipiert und errichtet hat, aber das narrative Moment einer betrachtenden Spaziergängerin und die fast übernatürliche Präsenz des Lichts überlagern die Inventarisierung von Vergangenheit.

Worum es dabei geht, verrät die Tatsache, dass es nicht irgendeine junge Frau ist, die wir sehen, sondern die Fotografin selber. Sie zeigt sich uns abgewandt, ohne das Interesse auf sie als Frau oder Künstlerin zu lenken – sie zeigt sich uns als Schauende. Es geht ihr um die Herstellung eines Blicks. Die Person auf diesen Bildern schaut, wie wir auf diese Bilder schauen: neugierig, verhalten, tastend. Die Bilder, die wir sehen, sind Gegen-Bilder, weil sie das Sehen selber zum Thema machen und erst in zweiter Hinsicht das Gesehene. Nicht die Welt will im Bild verdoppelt werden, sondern der Blick auf sie sichtbar.

Das Interesse der Bilder wird offensichtlich, wo die zweite Serie ausschließlich leere Innenräume zeigt und unser Blick auf Örtlichkeiten stößt, die normalerweise achtlos durchquert werden: Treppenhäuser, Flure, Vorzimmer. Diese Fotografien betonen etwas, das man nicht sieht, weil man üblicherweise nicht eigens hinschaut. Die strenge Komposition der Linienführung und die sorgfältige Konstruktion der Perspektiven dieser Serie kommentieren die vorangehende, in der auf den ersten Blick die Realität des Abgebildeten die präzise Neugierde der Fotografin überlagert. Der Zusammenhang beider Serien unterstreicht ihre Aufmerksamkeit für die Bewegung von Linien, parallel, rechtwinklig, aufeinander zulaufend, auseinanderstrebend, Linien, durch deren Konfiguration erst Räumlichkeit sich herstellt. Im Innenraum eines Hörsaals dann das Bild eines Außenraums, dessen städtebauliche Verwirklichung durch Berechnungen innerhalb abstrakter mathematischer Vorstellungsräume möglich wird, die wiederum auf der Tafel dieses Hörsaals zur Anschauung gebracht werden – diese fotografische Arbeit offenbart die komplexe Wahrnehmung der jungen Dame im roten Kleid. Nicht zufällig fällt ihr Blick auf ein Kino, in dessen Innenraum Außenräume auf die Leinwand projiziert werden, in denen die Existenz des Menschen zwischen Innen und Außen, Sehnsucht und Realität ihre eigentümliche Darstellung findet.

So blickt Delia Keller auf das Verhältnis von Mensch und Raum, wobei der Raum kein geschichtsloser und der Mensch kein abstrakter ist, sondern einen jungen weiblichen Körper hat. Ihre Bilder von Räumen sind durch die Präsenz von Körper und Geschichte aufgeladen mit dem Geheimnis einer Erzählung, die zu enträtseln dem Betrachter überlassen bleibt. Wir selbst wären nicht ohne die Existenz von anderen, die uns so fragend anblicken wie wir sie. Im Spannungsfeld von Blicken bildet sich unser Leben aus. Keine Pflanze und kein Tier, allein der Mensch wächst heran im sozialen Gewebe des Blicks. Gemeinsam entwerfen wir Räume, um in ihnen das zu verwirklichen, was uns – zwischen Revolte und Poesie – für die kurze Dauer einer leibhaften Existenz möglich scheint. Für dieses surreale Spiel, das unser Leben ist, hat Delia Keller konzentrierte, leise, eindrucksvolle Bilder gefunden.