Im blauen Kleid

Delia Kellers fotografische Serie “La Dame en Bleu”

von Klaus Honnef (2002)

Nur einmal tritt sie unversehrt ins Bild. Sonst überschneiden Bildrahmen und Architekturteile ihren Körper. Die Kamera erfasst sie von hinten. Ein Loch im Felsen einer Höhle fesselt ihre Aufmerksamkeit. Sie lädt zur Identifikation ein, nicht zum Dialog. Wie im romantischen Kunstwerk eine Repoussoirfigur. Was zieht sie an? Das schimmernde Blau im Inneren der Vertiefung? Ihre Blickwinkel weicht von der Perspektive der Betrachter ab. Unwahrscheinlich, dass sie es zu sehen vermag. Sie hält sich in der äußersten rechten Ecke des Bildes auf, winzig im Vergleich zur steinernen Wand. Die überwältigt sie förmlich. Eine junge, schlanke Frau in einem kurzärmeligen blauen Kleid, das lange brünette Haar mit einem Band am Hinterkopf zusammengebunden. Andere Bilder erfassen sie auf Treppen, unter einem Torbogen eines alten Gemäuers, auf einem Gang vor einer Zimmertür, der Veranda eines modernen Hauses, der gekrümmten Glaswand einer Halle – und in einem Garten, halb verdeckt von einer mächtigen Zypresse, wo sie ihr Gesicht zeigt, den Blick von den Betrachtern weg in eine unbestimmte Ferne gerichtet. Wer ist diese Frau? Ein Geheimnis scheint sie zu umgeben.

Von Bild zu Bild bricht sich eine weitere Frage Bahn. Sie verdrängt schließlich die Frage nach der Identität. Zumal die Identität allein das blaue Kleid verbürgen könnte. Was sucht sie? Jedes einzelne Bild vergegenwärtigt sie im Augenblick eines lockeren Stillstandes. Dagegen verlangt die Szenerie des Umfeldes, in dem sie inne hält, nach Bewegung – die Treppen, Tore und Türen. Der stupende Kontrast beschwört die Kräfte des Kinetischen im Stillstand und verlagert sie ins Innere des Körpers der Betrachter. Ganz offensichtlich befindet sich die Frau auf einem Weg, einer Suche, deren Ziel unklar bleibt, jedenfalls nicht zu sehen ist. Der Bildraum ist meist flach, verbarrikadiert durch Architektur und Natur, ohne Aussicht. Allein der Blick der Frau gleitet über seine Grenzen hinweg. Wohin? Sie trifft auf eine andere Frau, von gleicher Statur und großer Ähnlichkeit, einer Frau im gelben Pullover und rotem Rock und womöglich denselben, jedenfalls den gleichen Schuhen, einem Double. Im diagonalen Gegenüber und wieder mit dem Rücken zu den Betrachtern. Eine Frau auf der Suche nach sich selbst? Die Antwort wäre zu banal. Ohnehin ist der Platz dieses Bildes innerhalb der Serie variabel. Das Erkennen des Selbst in einem Anderen? Einer Person, einem Gegenstand der belebten oder unbelebten Welt? Wer weiß, dass die Autorin der Bilderreihe, Delia Keller, auch die Frau im blauen Kleid verkörpert ebenso wie das zweite Ich, das ihr begegnet, könnte derlei folgern. Aber auch eine solche Folgerung ist zu kurz gegriffen. Weil zu allgemein und damit zu beliebig. Doch nicht ganz falsch. Dabei sind die Bilder bar aller Psychologie. Gleichwohl hat sich die Frau auf eine Suche begeben – oder nur die Autorin der Bilder?

Jean Cocteau lieferte den Anstoß, ein Proteus unter den Künstlern des 20. Jahrhunderts, dessen Werk vielen fremd ist (und stets war). Sein Geist offenbart sich nicht allein im Werk, seinen Bildern, Filmen und Dichtungen. Ebenfalls in und an den Orten, wo er gelebt hat, und denen, die er gestaltet hat. »So ist meine Serie auch ein Suchen, ein Erforschen von der Gegend, wo Jean Cocteau seine letzten Jahre verbracht hat, aber meine Beobachtungen sind nicht so direkt … eigentlich gibt es sie gar nicht, meine Suche forscht nach etwas, von dem ich nicht weiß, ob es existiert. So laufe ich in dieser fremden und dennoch so vertrauten Gegend herum«, schreibt die Künstlerin in ihren Begleitnotizen. Auch wenn die Realität den Bildern der Fotografie immer ihre Spur einprägt, erschöpft sich der Umgang mit dem Medium längst nicht mehr in der Darstellung des Sichtbaren. Die Wirklichkeit der modernen fotografischen Bilder schließt das Terrain des Nicht-Sichtbaren ein. Was nichtsdestoweniger spürbar ist und vorhanden. So ist es das Phänomen der Suche, das die »Atmosphäre« (Gernot Böhme oder Michael Ballhaus) der Bildserie erfüllt, vielleicht der Suche nach dem Eigenen im Fremden, vielleicht einem Ungefähren, das nie bewusst wird. Davon vermitteln die Bilder eine Ahnung. Ihre ausgefeilte Inszenierung und die Farbe mit dominant kühlen Blau- und Grüntönen. Was sich vor den Augen der Betrachter abspielt, ist keine Darstellung außerhalb ihres Horizontes, sondern bezieht sie unmittelbar in das Geschehen ein und hält sie zugleich auf Distanz. Eines Geschehens ohne narrative Struktur und chronologische Ordnung. Die mysteriöse Frau im blauen Kleid (ver)führt sie.

Die Bildfolge von Delia Keller gibt in dem, was sie zur Erscheinung bringt, etwas wieder, das die Dinge nicht sind. Weder in inhaltlicher noch in struktureller Hinsicht. Den Umstand hat Gottfried Böhm als »ikonische Differenz« charakterisiert. Mehrere Schichten des Wirklichen durchdringen sich. Mehrere Perspektiven und Zeit-Ebenen. Während in Michelangelo Antonionis Meisterwerk »L’Avventura« die Suche nach einer plötzlich verschwundenen Frau die Geschichte bestimmt, ist es hier eine unbestimmte Suche ohne spezifisches Zentrum. Es ist, als lege sich unversehens die Bildaura des Italieners, gefiltert durch die Sicht der Deutschen, über die Orte Cocteaus. Delia Keller spart dessen Bilderwelt fast vollständig aus, und kommt dennoch seinen Imaginationen näher als alle Illustrationen. Doppelte Verfremdung: Sie steigert das Statische des Fotografischen derart, dass ihre Bilder die Grenzen der Fotografie zum Film überspringen und dennoch eminent fotografisch bleiben: Auf der Suche nach den »Zeit-Bilder(n)« im Sinne Gilles Deleuzes.

Bonn im Dezember 2002